Interview mit Dr. Manfred Schulz

Zu Hause gibt's weniger zu lachen!

Wir haben mit dem ehemaligen Lehrer Dr. Manfred Schulz gesprochen. Er war bis 2006 am OHG und hat Englisch und Sport unterrichtet.

Bis zu meiner Pensionierung 2006, war ich 25 Jahre lang als Englisch- und Sportlehrer am OHG tätig. Ich erinnere mich sehr gut an viele Schülerinnen und Schüler (und natürlich an die Kollegen) der damaligen Zeit. Das Übermaß an Freizeit, das man im Rentenalter ja angeblich hat, ist zurzeit gut gefüllt mit der Betreuung von ukrainischen Flüchtlingen, die wir bei uns in Hardegsen aufgenommen haben. Neue Hobbys haben sich für mich nicht ergeben. Mein literarisches Interesse ist geblieben mit einer Verschiebung des Schwerpunkts von der früher berufsbedingten Pflichtlektüre hin zum reinen 'Genusslesen' und zum kreativen Schreiben.

Welche besonders positiven Erinnerungen haben Sie an Ihre Zeit am OHG?

Was in Erinnerung bleibt, sind - nicht anders als bei Schülern und Schülerinnen - überwiegend Erlebnisse, die außerhalb des Unterrichts mit Klassen- oder Kursfahrten oder mit unseren englischen und amerikanischen Austauschprogrammen in Zusammenhang standen. Besonders einprägsam für den Lehrer natürlich, wenn dabei Dinge schief gingen; also die Panne, als sich der Motor unseres Reisebusses zwischen Cambridge und London in seine Einzelteile zerlegte und 'a complete new engine' aus Deutschland herbeigeschafft werden musste. Oder als unser Kalifornien-Austausch in San Francisco in die heftigen Straßenkrawalle geriet, die durch ein rassistisches Gerichtsurteil ausgelöst worden waren und den Bürgermeister von San Francisco dazu veranlassten, eine mehrtägige Ausgangssperre für alle Bürger zu verhängen. Das Positive daran war, dass am Ende alles gut ausging.

Generell positiv empfand ich den freundschaftlich kollegialen Umgang, der mich zumindest mit einem großen Teil des Kollegiums verband und natürlich unsere ausgesprochen nette Schülerschaft. (Mir fallen nur wenige Ausnahmen ein.) Ein Kollege von einem anderen Göttinger Gymnasium formulierte es einmal neidvoll so: "Ihr unterrichtet ja auch die Creme des Göttinger Umlands." Er hatte wohl gerade weniger gute Erfahrungen mit der Nachkommenschaft von Göttinger Ostviertel-Professoren gemacht.

Was kommen Ihnen für Gefühle in den Sinn, wenn Sie morgens das OHG betreten haben, oder wenn Sie mittags die Schule verlassen haben?

Wenn ich morgens sehr spät dran war und nach dem Gong vom Parkplatz kommend in voller Montur durch die leeren Gänge auf den Klassenraum zu hastete, in dem eine lärmende 9. Klasse auf mich wartete, habe ich immer gedacht: "Hoffentlich laufe ich jetzt nicht dem Schulleiter in die Arme". Später, als ich pünktlicher geworden war, weil ich nicht mehr meine Kinder jeden Morgen erst an ihrer Göttinger Schule absetzen musste, war mein häufigster Gedanke beim Betreten der Schule: "Hoffentlich ist der Kopierer nicht kaputt!"

In der häuslichen Bürotechnik war die Schreibmaschine zwar durch Computer abgelöst worden, aber die dazugehörigen Drucker konnten damals weder kopieren noch scannen. Also war der riesige Kopierer im Nebenraum des Lehrerzimmers die einzige Möglichkeit, die Arbeitsblätter für den Tag noch rechtzeitig fertigzustellen; ein dort angeheftetes DIN A4-Blatt mit der Aufschrift "DEFEKT" war eine Katastrophe.

Morgens also oft Besorgnis und nach Schulschluss immer Erleichterung, so ähnlich wie die Gefühlslage bei einem großen Teil der Schülerschaft, nehme ich an.

Hatten Sie einen Lieblingsort im OHG?

Mein Lieblingsort im OHG war eindeutig der so genannte 'Englisch-Tisch' im Lehrerzimmer; von der Eingangstür geradeaus durch Richtung Fenster zur Godehardstraße. Dort hatten einige befreundete Englischkollegen und -kolleginnen ihren Stammplatz und es gab immer etwas aus dem privaten Alltag oder etwas Lustiges aus dem Unterricht zu berichten. Eine Kollegin kommt schmunzelnd aus einer 8. Klasse zurück, wo sie eine Klassenarbeit geschrieben hat:" Fällt dem doch gleich sein Spickzettel runter, genau vor meine Füße. Tja, musste ich einsammeln. Sah nicht besonders fröhlich aus, der Bennie. - Guter Spickzettel übrigens! Dumm ist er ja nicht, ein bisschen ungeschickt vielleicht". "Und was machst du jetzt mit Bennie?" "Mal sehen! Er hat ihn ja noch rechtzeitig weggeworfen!"

Schüler lachen über Lehrer, aber Lehrer lachen auch über Schüler. So viel Gleichberechtigung muss sein.

An welche Person erinnern Sie sich, wenn Sie an Ihre Zeit als Lehrer zurückdenken?

Da fällt es mir schwer, aus 25 Jahren eine Person herauszugreifen und namentlich zu benennen. Allerdings könnte ich - ohne Namensnennung - den bemerkenswerten Fall erwähnen, wo eine nette junge Dame, die ich in Klasse 7/8 schon in Englisch unterrichtet hatte, gegen Ende ihrer Schulzeit die übernatürliche Fähigkeit entwickelt hatte, an mehreren Orten gleichzeitig zu sein, was es ihr ermöglichte, zwei zeitgleich stattfindende Sportkurse zu besuchen und erfolgreich abzuschließen. So etwas hört man sonst nur von Zauberinternaten wie Hogwarts, wo Harry Potters Freundin Hermine, ich glaube in Band 3, mit Hilfe eines Zeitreisezaubers ein ähnliches Kunststück vollbringt. Also: Zauberei am OHG!! (Man muss die Schule ja nicht gleich in 'OHGwarts' umbenennen.) - Von der besagten Schülerin nehme ich an, dass sie Jura studiert hat und heute an verantwortlicher Stelle dazu beiträgt, dass in unserem Staat alles mit rechten Dingen zugeht.

Welche Frage würden Sie gern einem aktuellen OHG-Schüler/einer Schülerin stellen?

Statt eine Frage zu stellen würde ich ihn/sie auffordern, die folgenden zwei Sätze zu vervollständigen:

Es nervt mich total, wenn Herr/Frau (Name der Lehrkraft) .........................!(dies oder das tut)

Ich freue mich immer, wenn Herr/Frau (Name der Lehrkraft) .....................!(dies oder das tut)

Ich könnte Einblick gewinnen, zwischen welchen Polen sich das Lehrerverhalten des heutigen Kollegiums abspielt, und auch ein bisschen über den befragten Schüler erfahren.

Übrigens: Wenn ich nach meiner Pensionierung von noch aktiven Kollegen gefragt wurde, ob ich das OHG vermisse, habe ich immer geantwortet: "Zu Hause gibt's weniger zu lachen!"

Vielen Dank für das tolle Interview!

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