Abi 1976 - nach 50 Jahren im OHG

Abi 1976 nach 50 Jahren im OHG

Das GT berichtet:

„Durchschnittlich gebildete Mitteleuropäer“

50 Jahre nach ihrem Abitur kommen Schüler des Otto-Hahn-Gymnasiums zurück in ihre Klassenräume

Göttingen.
1976 erlangte der erste vollständige Abiturjahrgang am Fünften Gymnasium in Göttingen seine Allgemeine Hochschulreife. 50 Jahre später haben sich 20 ehemalige Schülerinnen und Schüler am Samstag im Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) getroffen.

Denn so heißt ihre Schule heute. Und die Schülerinnen und Schüler von damals konnten selbst den Namen wählen: „Gauß oder Hahn“ stand auf Zetteln, erinnert sich Heide Duschek. Die Schülerschaft entschied sich gegen den Mathematiker und für den Pionier der Radiochemie. 1977 wurde das Gymnasium nach ihm benannt – da hatten Duschek und ihre Klassenkameraden bereits das Abi in der Tasche, und der damalige Neubau an der Carl-Zeiss-Straße war schon vier Jahre alt.

Der Start des Jahrgangs war hingegen etwas ruckelig. Bei seiner Gründung 1969 hatte das Fünfte Gymnasium nicht einmal einen festen Standort, 273 Schüler mussten in Behelfsräumen lernen. „Zuerst waren wir als Gastklasse am Max-Planck-Gymnasium“, erzählt Dagmar Schneider. Dann zogen die Schüler als „Wanderklasse“ an den Nikolausberger Weg. „Da haben wir in Villen gelernt, das war auch irgendwie schön.“ Als das Gebäude am Leinekanal fertig war, trug ihr Jahrgang die Stühle hinein.

Die sind mittlerweile ausgetauscht, wie der Jahrgang bei einer Führung durch das heutige Gymnasium mit dem heutigen Schulleiter Jan Weber sieht. Beim Blick in den Chemie-Raum ist sich Beatrice Bartelt sicher: „Den haben auch wir eingerichtet.“ Der heutige Schulleiter Weber kann das nicht bestätigen, zu Bartelts Schulzeit war noch der erste Schulleiter Heinz Jung im Amt.

An Jung erinnern sich alle gut. Michael Hesse, Organisator des Jahrgangstreffens, hat noch ein Zitat des Direktors parat: „Meine Damen und Herren, wir wollen Sie zu durchschnittlich gebildeten Mitteleuropäern machen“, soll Jung immer wieder postuliert haben.

„Den Satz vergisst man nicht“, sagt Hesse. Er könnte daher rühren, dass das heutige OHG ein Novum in der Göttinger Schullandschaft darstellte. Es gab bereits vier altsprachliche Gymnasien, als das Fünfte an den Start ging. „Und Direktor Jung hat dann alle aufgenommen, die an anderen Schulen nicht mehr gewünscht waren“, sagt Schneider. „Nicht ganz so einfache Klassen“ seien dadurch entstanden.

Das kann Bartelt bestätigen. „Im Nachhinein tut mir leid, was für eine schlimme Klasse wir waren“, sagt Bartelt und lächelt gequält. Ehemalige Lehrer der Klasse blicken ebenfalls auf eine turbulente Zeit zurück. Das spiegelt sich aber nicht in Bartelts Lebensweg wider: Nach ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau wurde sie selbst Lehrerin an einer Berufsbildenden Schule in Gifhorn. „Das OHG war damals eine sehr progressive Schule, und das ist es wahrscheinlich auch noch“, schätzt sie ein. Weber nickt – der Musikzweig ist ein Alleinstellungsmerkmal, die Fokussierung auf die MINT-Fächer ein zweites neueres Standbein. „Damals stand oben im Astronomieraum noch ein Teleskop“, erinnert sich Hesse. Das jedoch habe die letzten Jahrzehnte nicht überdauert, so Weber. In die Astronomie sei niemand aus dem Jahrgang gegangen. Aber im Sprachlabor erinnern sich einige an ihre ersten Erfahrungen mit Englisch. Über Kopfhörer hörten die Schüler damals Sätze und mussten diese dann wiederholen oder aufschreiben. Mitte der 90er-Jahre sei die Methode endlich abgeschafft worden, sagt Weber. Trotz dieses Starts in die Fremdsprache studierte Duschek Englisch und Sport, ihr „verschlungener Lebensweg“ führte sie später in den kaufmännischen Bereich.

Lehre und Pädagogik hatten es einigen aus dem Jahrgang angetan. Lothar Gellert wollte aufgrund der Rechtslehre in der Schule Jura studieren und tat dies auch, wurde Rechtsanwalt und später Verwaltungsjurist und lehrte dann als Professor an der Hochschule in Münster. Auch während seiner Pension lässt ihn das nicht los. „Ich war und bin begeistert von den Rechtswissenschaften.“

Dagmar Schneider wurde Wirtschaftspädagogin, leitete eine Schule in Berlin. Uta Grunewald wurde Gesangslehrerin neben ihrem Hauptberuf als Opernsängerin. Sie verbindet viel mit dem OHG – „mein Vater war hier Studienrektor, mein Sohn hat ebenfalls auf dieser Schule 2011 sein Abitur abgelegt“. So verbunden wie sie sind nicht alle mit ihrer ehemaligen Schule – aber gute Erinnerungen überwiegen, ist sich die Gruppe einig.

Quellenangabe: Göttinger Tageblatt vom 14.04.2026, Seite 10



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